
Einreichung für den Innovationspreis der freien Kulturszene 2008
Projekt: Unabhängige Vernetzung Wien
1: Kurzbeschreibung, aktueller Stand
Ziel des laufenden Projektes ist es, Ressourcen und Potentiale eines möglichst großen Teils der unabhängigen Wiener kulturellen & politischen Szene zu vernetzen, sowie beteiligte Projekte/Personen durch gemeinsames Arbeiten und Auftreten zu stärken.
Dir fehlt eine Tontechnikerin, um die Bands auf deiner Veranstaltung zu mischen? Dein Verein hat kein Geld, um die Förderungen, die du beantragt hast, auch im Voraus zu finanzieren? Eure Location ist zu klein für größere Feste oder du hast keinerlei Räume? Dein Projekt veranstaltet in einigen Tagen ein Straßenfest und dir fehlt noch Equipment? Euer Kollektiv hat eine Aktion in Arbeit, aber alleine macht Öffentlichkeitsarbeit einfach überhaupt keinen Spaß und so wird nur ein Bruchteil der Leute von euren Ideen erfahren? Als Künstlerin fehlt dir Raum zum Malen, Musizieren, Entwickeln, Arbeiten, Reden, Leben, …
Diese Liste ließe sich beliebig lange fortsetzen. Jede Person, die im kulturellen Bereich tätig ist, stößt früher oder später auf diese Fragen und gerade in ehrenamtlichen Bereichen und „sub-“ & „gegen-“ kulturellen Projekten nimmt die Lösung solcher Aufgaben oft viel Zeit und Energie in Anspruch. Diese und ähnliche Punkte haben (nicht erst) seit Herbst 2006 dazu geführt, dass eine steigende Anzahl von Gruppen begonnen hat, sich verstärkt zu vernetzen. Aufbauend auf das Initiativ Bündnis „Kripo“ (-> www.kripo.at.tt), das sich kurz nach den „Räumungsschlusstagen“ auföste, wurde ein neuer Anlauf für Vernetzung gestartet. Aktivist_innen von Kaleidoskop (-> http://www.myspace.com/kaleido91), KuKuMA (-> http://kukuma.), WEG (-> http://www.geldlos.at/) & Andere nahmen Kontakt zu möglichst vielen bekannten Gruppen aus Wien auf und luden zu einem Vernetzungstreffen in die i:da (-> http://ideedirekteaktion.at).
Über 40 Gruppen beteiligten sich an den folgenden vier Treffen, die in wechselnden Locations stattfanden (i:da/ EKH/ uoqbon/ Kaleidoskop). Besonders spannend war das erste Treffen, bei dem viele Menschen feststellen durften, dass die „Wiener Szene“ größer und lebendiger ist als gedacht. Über Stunden hinweg erzählten sich ca. 60 Aktivist_innen von ihren Projekten und Erfahrungen. Ein interessanter Aspekt dabei war, dass viele der Gruppen in den letzten zwei bis fünf Jahren entstanden sind und nur wenige „alte“ Projekte sich an der Plattform beteiligten. Die Bandbreite der Projekte machte es unmöglich, eine einheitliche Linie zu finden. Einig waren (und sind) sich jedoch alle, was Grundzüge wie antisexistische, -rassistische, -homophobe und hierarchiearme bzw. basisdemokratische Praxis anbelangt.
Direkte Outputs dieser über ein Jahr bestehenden Plattform waren unter anderem:
- Ein gemeinsamer Ressourcenpool, in dem 28 Projekte partizipieren und ihre Möglichkeiten und Bedürfnisse austauschen (brauchen/ haben in 6 Kategorien).
- Ein Infoverteiler für Notfälle und projektübergreifende Events und Informationen.
- Der Versuch eines gemeinsamen Veranstaltungskalenders (-> http://unkompliziert.org ) mit einer „alternativen“ Projektkarte Wiens.
- Ein dezentraler Aktionstag im ersten Bezirk (Sturm auf Stenzeltown“, 21.9.07), an dem über den Tag verteilt zahlreiche Interventionen stattfanden.
- Anlässlich des Aktionstages wurde zudem ein Folder („Wir sind vernetzt!“) erarbeiten, in dem sich alle beteiligten Projekte kurz vorstellten.
- Einige kreative Kooperationsprojekte, unter anderem das Ringstraßenfest (16.5.08, Ringstraße zwischen Parlament und Rathaus, KuKuMA/ Movimento/ Kaleidoskop/ Wagenplatz/ MirKollektiv, ca. 1000 Menschen vor Ort), Deka Dance (25.1 08, Oval Halle- MQ, über zehn beteiligte Gruppen, antifaschistisches Event mit ca. 700 Gästen) oder das „Eiskella“- Projekt, welches hier kurz hervorgehoben wird.
„Eiskella“ eine Plattform ausgehend von Movimento, gemeinsam mit KuKuMA/ bioparadeis/ MirKollektiv/ bewegnung/ Scart/ WEG und Einzelpersonen. Der Eiskeller ist eine unterirdisches Räumlichkeit im 3.Bezirk bestehend aus ehemaligen Kühlräumen der Mautner Markhof Brauerei und im Besitz der Stadt Wien. Ein über 4000 m² großes Areal, das seit mehr als 30 Jahren leer steht. Alle Beteiligten hatten und haben immer noch den Bedarf nach Büro-, Kultur-, Veranstaltungs- und Handlungsräumen. In intensiver Zusammenarbeit entstand ein stufenweises Nutzungskonzept für eine Adaptierung der Fläche. Gegenwärtig scheitert weiteres Planen an den fehlenden Ressourcen (oder Interesse?) der Stadt für eine Machbarkeitsstudie. Eine Zwischennutzung des ehemaligen „Kabarett Renz“ scheiterte ebenfalls; gegenwärtig warten die Initiativen auf eine Antwort der Stadt betreffend eines grundsätzlichen Interesses an den Projekten. Über ein Jahr nach der Räumung des „Movimento“ ist von der versprochenen schnellen Hilfe seitens der Stadt keine Spur zu sehen.
Vernetzung ist also nicht nur im Aspekt der Ressourcen wichtig. Gemeinsam für Ideen, Bedürfnisse und Utopien einzustehen nimmt eine zentrale Rolle ein. Freier Zugang zu Kultur, Rückeroberung und ein Stopp von Privatisierung des öffentlichen Raumes, neue Freiräume erschließen, gegenkulturelle Oasen schaffen, Grundeinkommen oder Präkarisierung der eigenen Lebensbedingungen und kulturellen Arbeit, sind einige relevante Themen zu denen wir uns vernetzen wollen.
Aufbauend auf die bisherigen Erfahrungen sind gegenwärtig einige Gruppen dabei einen weiteren Anlauf in Punkt Vernetzung zu starten. So gibt es seit kurzem wieder wachsende Vernetzungstreffen zwecks Abgleich von Informationen, Planung von Aktionen und darüber hinaus entwickeln sich Diskurse über Voraussetzungen für eine „nachhaltige“ Venetzung. Unter dem Namen UKW (Unabhängige Kulturalternativen Wien) entsteht ein Verein zur Stärkung von Projekten in prekärer Situation. Unter dem Titel „ImPlanTat e.V.“ gründet sich momentan eine Projektwerkstatt und Bürogemeinschaft, von wo aus u.a. über Fördermöglichkeiten informiert werden soll.
Kaleidoskop und Partyzipation arbeiten an einer erweiterten und aktualisierten Version des Ressourcenpools.
2: Projekteinschätzung: zukünftiges Potential & Perspektiven
Über ein Netzwerk Arbeit zu erleichtern und neue Möglichkeiten schaffen – das Potential von gemeinsamer Arbeit und dem Aufbau von neuen Ressourcen und Schnittstellen.
„In Vielfalt vereint“
Natürlich muss bei einem Projekt dieser Größe auch bedacht und erwähnt werden, dass eine solche Bandbreite an Gruppen nicht steuerbar oder kontrollierbar ist. Das ist auch gut so; bedeutet es doch auch, dass wir keine einheitliche, starre Linie brauchen und es bringt das Potential mit sich, dass eine Reihe von verschiedensten Praxen und Ansichten nebeneinander existieren können. Vielfalt birgt natürlich auch immer Konfliktpotential und nicht nur ein Bündnis ist bis jetzt an diesem Fakt zerbrochen. Eine gemeinsame Sprache muss oft erst gefunden werden; flexible Plattformen bieten gerade hier die Möglichkeit sich Bündnispartner_innen bezugsgegeben auszuwählen. Und wenn wir (wieder) einmal über unsere eigenen Projektfelder hinaus schauen, stellen wir fest, dass es weite Wege gibt, die Menschen gemeinsam gehen können.
Gemeinsames handeln und koordiniertes Agieren erhöht unsere Diversität und stärkt uns.
„Ressorcen aufbauen und teilen“
Jede_r hat Möglichkeiten! Sei es Know How, Equipment, Zugang zu Räumen oder Kontakte zu anderen Menschen. In der gegenwärtigen neoliberalen Wirtschaft wird uns eingeschärft, diese Potentiale zu hüten oder möglichst gewinnbringend einzusetzen. Ein für die Beteiligten offener Ressourcenpool, in dem selbst die Bedingungen für Nutzung und Weitergabe definiert werden kann, bietet eine Alternative. Oft sind Ressourcen bereits vorhanden und werden nicht 7Tage/ 24h durchgehend benötigt. Auch herrscht an wichtigen Punkten wie Raum oder Transportmöglichkeiten oft akuter Mangel.
Ein erster Schritt zur Veränderung dieser Situation soll eine Fortführung und ein Ausbau der Ressourcenliste in
Druck-Form mit halbjährlichen/jährlichen Updates sein; langfristig wird eine digitale Plattform angestrebt.
Ein gemeinsamer Austausch und Aufbau von Ressourcen ist also nötig, sinnvoll und möglich.
„Schnittstellen und Zugänge schaffen“
Internet als polylaterales Kommunikationsmedium (Senden und Empfangen ist möglich) bietet uns in Österreich ein leicht partizipativ nutzbares Feld an Möglichkeiten. In Wien gibt es eine wachsende Anzahl unabhängiger kultureller Projekte und Initiativen. Ein wichtiger Aspekt, um die gesamte Bandbreite an Veranstaltungen und Locations aufzuzeigen, ist ein Veranstaltungskalender. Als Vorbild in Hinblick auf Umfang und Aufbau kann hier der Berliner Stressfaktor genannt werden (-> http://stressfaktor.squat.net). Was Übersicht und Benutzer_innenfreundlichkeit angeht, bietet das „Web 2.0“ ausreichend technische Lösungen. Auch der Faktor „gedrucktes Medium“ spielt eine Rolle; so wird in Zukunft das Zeitungsprojekt „Jenseits“ regelmäßig erscheinen. Das Vorstellen alternativer Projekte und ein umfangreicher Veranstaltungskalender sind fixer Bestandteil dieses Mediums.
Was reale Schnittstellen anbelangt, ist es wichtig, dass ein so großes Projekt räumlich keinesfalls an einem Ort fixiert sein sollte. Mehrere, über die Stadt verteilte Räume, scheinen sinnvoll. So können mit der Zeit ein Pressezentrum, Infopunkt(e) und Büroräume für gruppenübergreifendes Arbeiten entstehen. Eine verstärkte Kommunikation und Informationsweitergabe nach „außen“ und „innen“ soll dadurch erleichtert werden. Ein einfacher Schritt ist zudem das anlaufende Flyer- Austausch-Programm zwischen alternativen Räumen.
Schnittstellen sind also wichtig, um die hohe Bandbreite an Aktivitäten möglich zu machen und diese auch entsprechend zu kommunizieren.
„Solidarisches Netzwerk“
Immer wieder sind kulturelle Räume bedroht oder werden in ihrer Arbeit von außen eingeschränkt. Ein Verbund an Gruppen bringt den Vorteil einer stärkeren Absicherung der einzelnen Projekte. Stadt Wien, Bürokratie, Universität und starre Institutionen machen „freie“ Kulturarbeit schwierig.
Gemeinsam fällt es leichter, prekäre Räume zu unterstützen und weitere zu erschließen.
„Arbeitsgruppen“
Oft passiert es, dass innerhalb von Strukturen einzelne Personen mit Aufgabenfeldern alleine dastehen. Vernetzte Arbeitsgruppen bieten das Potential Energien zu bündeln und auch größere Projekte umzusetzen, ohne sich selbst komplett auszubeuten. Eine erste Pressegruppe ist bereits im Entstehen; Bereiche wie Web, Layout, Druck, Fördermöglichkeiten, etc. bieten noch genügend Bedarf für weitere Gruppen und gruppenübergreifende Prozesse. Voneinander lernen spielt bei vernetzten Gruppen eine große Rolle, da bei vielen Projekten langjährige Erfahrung und Praxis vorhanden ist und so ein Einstieg in Themen
erleichtert wird. Interessante Perspektiven bieten themenbezogene Arbeitsgruppen; so ist es wichtig Themen wie „Sexismus“, „Freiraum“ oder „Rassismus“ projektübergreifend zu diskutieren, um gemeinsame Schritte überlegen zu können.
Vernetztes Arbeiten eröffnet neue Möglichkeiten und realen Austausch zwischen Projekten, sowie den Diskurs über wichtige Themen.
„Realistisch?“
Die im Rahmen der Projekteinschätzung aufgezählten Potentiale und Perspektiven variieren von „in Realisierung begriffen“ bis „utopisch“. Ein wichtiger Punkt für alle Personen, die an dieser neuen Vernetzung beteiligt sind, ist, dass die entstehende Struktur langfristig keinen Mehraufwand schafft. Ziel muss es sein, bestehende Projekte und Personen in ihren Tätigkeiten zu unterstützen. Einer „Checker_innen- Struktur“ soll von Anfang an durch eine wachsende Anzahl von Beteiligten und dem Wechsel der Verantwortlichkeiten entgegen gewirkt werden, da uns eine basisdemokratische Anbindung der Gruppen wichtig ist.
Gemeinsames Träumen schafft mehr Möglichkeiten.
3: Einreichender Verein & Beteiligte Gruppen
Einreichender Verein:
-> Verein zur Förderung und Erhaltung von kultureller Partizipation; Kaleidoskop
Beheimatet in der Schönbrunnerstraße 91, 1050 Wien. Hier finden nun seit zwei Jahren zahlreiche Events und Treffen bei uns ihren Platz. In den 80m2 kleinen Räumen fanden 2007 ca. 200 Veranstaltung statt, 1/3 davon Treffen alternativer Gruppen und Vernetzungstreffen. Die Räumlichkeiten werden ehrenamtlich organisiert und stehen für gute Ideen, Feste, Treffen und Austeilungen offen; das Kaleidoskop ist zudem unabhängiges Mitglied des KuKuMA- Netzwerkes.
Als ansuchender Verein hat das Kaleidoskop vor, die durch den Innovationspreis entstehenden Ressourcen im Sinne der Entwicklungen des Projektes zu verwalten und zu nutzen.
(http://kukuma.info – Kaleidoskop)
Beteiligt/ ProjektpartnerInnen
-> ImPlanTat e.V., Projektwerkstatt
Bürogemeinschaft, Pressegruppe und Ideenpool im Aufbau in Wien 8.
-> Jenseits, unabhängige Jugendzeitung
Seit über fünf Jahren (unregelmäßig) erscheinendes Zeitungsprojekt mit Schwerpunkt auf Gegenkultur/ Literatur/ Politik und alternative Projekte. In jeder Ausgabe gibt es wechselnde Themenschwerpunkte (z.B: Freiheit/ Toleranz/ Grenzen) und Berichte über aktuelle Projekte in Wien. Die Momente Auflage (2000+) ist steigend und einer Tendenz zu höherer Regelmäßigkeit ist gegeben. Die Zeitung wird gegen eine freiwillige Spende verteilt.
(http://kukuma.info — Jenseits)
-> KuKuMA, Netzwerk für Kunst-, Kultur- und Medienalternativen
Dezentrales Netzwerk bestehend aus neun eigenständigen Gruppen, aktiv am Vernetzen und Veranstalten quer durch Wien.
Gemeinsames schaffen von Gegenkulturellen Oasen und Lebensräumen sowie das realisieren von Ideen sind zentrale Elemente.
-> Partyzipation, Events Projekte & Organisatorisches
Gruppe mit dem Anspruch Veranstaltungen und Projekte so zu gestalten das Beteiligung in allen Schritten möglich wird.
Liste der Gruppen, die bisher an der Vernetzung teilgenommen haben (unvollständige Aufzählung): EKH, Tüwi, i:da, Vekks, WEG, Einbaumöbel, bewegnung, Venster99, MirKollektiv, Wagenplatz, no-rascim.net, Deserteurs und Flüchtlingsberatung, das Werk, Kaleidoskop, uoqbon, Freiraum, Aufgemöbelt, Arena Beisl, bioparadeis, Pankahyttn, Scart, KuKuMA, Kanal_b, FZ, Lobauer Frühling, Freiwerk, RAW, Grundrisse, keine_uni, critical mass, debienna)



